Leseprobe aus «Galway Girl»

Galway, Anfang Juni 2016

 

Ich hatte es zunächst monatelang gar nicht bemerkt. Was ich auf meinen durch Medikamente vernebelten Geisteszustand und auf die Trauer schob. Denn dieser Ring war mir das Wertvollste gewesen, was ich von Alex bekommen hatte.

 

Nach dem Unfall war er weg gewesen. Einfach weg. Als ich aus dem Spital entlassen worden war, hatte ich wochenlang die Unfallstelle abgesucht, jeden Grashalm umgedreht und unter jeden Stein geschaut. Obwohl ich sehr viel mehr verloren hatte als nur diesen Ring, hatte mich diese Erkenntnis zum Weinen gebracht.

 

Der Ring war die Erinnerung an ein Versprechen gewesen, das ich eingelöst hatte. Auf eine Weise, die ich meinem größten Feind nie gewünscht hätte. Bis dass der Tod euch scheidet. Und obwohl das Versprechen eingelöst war und ich den Ring nicht mehr brauchte, vermisste ich ihn. Er war alles, was mir noch von meinem geliebten Mann geblieben war.

 

Ich hatte den Ring am Tag des Unfalls an einer Kette um den Hals getragen. Es war mein Verlobungsring gewesen – ein Claddagh-Ring aus Galway, den Alex mir mitgebracht hatte. Kurz nach seiner Rückkehr aus Irland ging er vor mir auf die Knie. Es war ein romantischer Abend. Dabei waren wir beide so gar nicht romantisch veranlagt. Es war bei uns zu Hause im Wohnzimmer. Er hatte uns von einem Sternekoch ein Menü nach Hause liefern lassen. Alex hasste es zu kochen. Sogar Spiegeleier wurden bei ihm schwarz. Später erzählte er mir, er habe nicht in ein Restaurant gehen wollen, weil er keine Zuschauer brauchte. Also habe er das Restaurant eben zu uns ins Wohnzimmer geholt. Er war ganz verlegen, als er vor mir kniete und mir eigentlich schon klar war, worauf er hinauswollte. Doch ich spürte, dass er mir Dinge sagen wollte, die ihm wichtig waren. Er sagte, er hätte mich so vermisst in Irland. Er wolle sein Leben mit mir verbringen, jeden Tag und jede Nacht. Und er fragte mich, ob ich seine Frau werden wolle. Mir liefen Tränen vor Freude über die Wangen, und ich konnte mein »Ja« nur noch hauchen.

 

Dann steckte er mir diesen speziellen Ring an den Finger. Er zeigte ein Herz, das von zwei Händen gehalten wurde und über dem eine Krone schwebte. Ein Claddagh-Ring, hatte mir Alex erzählt, während wir das köstliche Menü verspeisten. Das Herz musste mit der Spitze auf den Träger zeigen. Es war kein billiger Souvenirring. Alex hatte ihn in Galway bei einem Juwelier gekauft, und das Herz war besetzt mit kleinen Diamanten. Eingraviert war ein Spruch: Du und ich – fur immer. Der Spruch hatte einen Schreibfehler. Alex hatte mir erklärt, dass er den Ring erst am Tag seiner Abreise hatte abholen können und es da zu spät gewesen wäre, den Fehler noch zu korrigieren. Und irgendwie hatte es ihn wohl auch nicht gestört, es machte den Ring in seinen Augen individuell, und er fand, dass das ganz gut zu unserer Beziehung passte. Zudem hatte Alex auch meinen Namen eingravieren lassen. Das war ungewöhnlich – ich hatte ihm gesagt, dass ich doch seinen Namen im Ring tragen müsste. Doch er meinte, da er selbst keinen Verlobungsring habe, fände er diese Vorstellung sonderbar, weil ich dann nur seinen Namen tragen würde, er aber nicht meinen. Wir ließen uns dann unsere Namen gegenseitig in die Eheringe gravieren. Nach der Hochzeit trug ich den Claddagh-Ring häufig an einer Halskette, während ich nur noch den Ehering am Finger hatte.

 

Nach dem Unfall wusste ich nicht, was ich mit dem Ehering machen sollte. Ich wollte ihn nicht mehr tragen, weil ich mich nicht mehr verheiratet fühlte – und weil er mich zu sehr an Alex erinnerte. Unsere Ringe waren wie ein kleines Puzzle gestaltet worden. Mein Stein war wie ein Schlüssel zu Alex Ring, der ein kleines Schloss in sich trug. Man konnte die Ringe ineinander verkeilen, sodass daraus das Symbol der Unendlichkeit entstand. Ich beschloss, die Eheringe so zu verkeilen und sie Alex mitzugeben. Gold war beständig. So hatte er wenigstens etwas bei sich, bis wir uns vielleicht eines Tages wiedersehen würden.

 

Das war meine Art der Romantik. Nachdem ich aus dem Spital entlassen worden war, besuchte ich sein Grab und vergrub die Ringe in der Erde. Später dachte ich, dass sich ein Goldgräber mit einem Metalldetektor, der über den Friedhof ging, wohl wirklich freuen würde. Aber ich hatte meine Entscheidung nie bereut.

 

Doch der Verlust meines Claddagh-Rings schmerzte. Er hatte eine sehr spezielle Bedeutung für mich gehabt. Alex war in Irland so glücklich gewesen. Und wir waren zusammen. Der Ring symbolisierte für mich dieses Glück. Ich wusste, dass ich mir einen solchen Ring nicht wieder leisten konnte. Doch ich wollte gern einen ähnlichen haben. Ich wollte nicht, dass meine Erinnerung daran – und an den schönen Moment unserer Verlobung – verblasste. Ich hoffte, dass ich auch den neuen Ring gravieren lassen konnte.

 

Ausgestattet mit einem ausgedruckten Foto meines Rings ging ich auf die Suche nach einem Juweliergeschäft in Galway. Es gab Dutzende davon, und ich versuchte es aufs Geratewohl. Ich hatte keine Ahnung, wo Alex damals den Ring gekauft hatte. Der erste Laden war mir unsympathisch. Da stand ein älterer Mann, der sehr ungepflegt aussah. Er hatte fettiges Haar und einen zotteligen Bart, er trug ein blaues Shirt mit einem großen Flecken drauf. Ich fragte mich umgehend, wie er in ein Juweliergeschäft gekommen war, er sah eher aus wie ein armer Fischer. Zudem warf er mir ziemlich lüsterne Blicke zu. Ich lief quasi rückwärts wieder raus.

 

Im zweiten Laden gab es nur billigen Modeschmuck. Das dritte Geschäft schien mir passend zu sein. »Walsh Jewellery« stand über der weiß getünchten Eingangstür. Ich trat ein. Der Laden war leer, doch eine Glocke bimmelte.

 

»Ben, kannst du mal schauen«, hörte ich eine angenehme männliche Stimme rufen. Dunkelbraune Augen lugten vorsichtig hinter dem Vorhang hervor, welcher den Laden vom Hinterzimmer abtrennte. Dann trat ein junger Mann herein, ungefähr so alt wie ich, vielleicht etwas jünger. Er war riesig – bestimmt über eins neunzig – und der vielleicht schönste Mann, den ich in meinem Leben gesehen hatte. Er trug nur eine abgewetzte Jeans und ein graues Shirt, er hatte lange braune Haare, die er zu einem Dutt gebunden hatte. Dazu trug er einen Dreitagebart. Er sah insgesamt sehr verwegen aus und überhaupt nicht wie ein Juwelier. Eigentlich noch nicht einmal wie ein Ire.

 

»Kann ich Ihnen helfen?«

 

»Ja«, stammelte ich. Alles, was ich in der Schule an Englisch gelernt hatte, hatte ich soeben vergessen.

 

Zwei braune Augen schauten mich fragend an. »Und wie?«

 

»Entschuldigung, mein Englisch ist nicht so gut«, versuchte ich, meine Nervosität zu überspielen. »Ich suche einen Claddagh-Ring.«

 

»Für Ihren Mann?«, wollte er wissen. Der fiel ja gleich mit der Tür ins Haus.

 

»Nein, für mich, um ehrlich zu sein.«

 

»Und wie haben Sie sich den Ring vorgestellt? Wie groß? Wie teuer?«

 

»Ich möchte mir einfach gern einige ansehen, wenn ich darf. Er sollte ungefähr so aussehen.« Ich reichte ihm das Foto.

 

»Alles klar, Ben?«, rief die Stimme aus dem Hinterzimmer. »Ich bin hier gleich fertig.«

 

»Alles klar, Dad. Wo sind die Claddagh-Ringe?«

 

»Vorn an der Theke, in der zweiten Schublade von unten. Der Schlüssel liegt hier hinten auf dem Tisch.«

 

Ben holte den Schlüssel und öffnete die Schublade. Er zog einige kleine Kisten heraus und legte sie auf die Theke. »Sorry«, sagte er. »Ich bin Anfänger. Vielleicht wollen Sie auf meinen Vater warten?«

 

»Schon okay«, sagte ich und nahm einen Ring in die Hand. Er sah meinem sehr ähnlich, er hatte auch kleine Steine auf dem Herz, er war allerdings etwas feiner. Ich streifte ihn über meinen rechten Ringfinger und betrachtete schweigend meine Hand.

 

»Ah, Sie sind also doch vergeben«, meinte Ben und wirkte ein bisschen enttäuscht.

 

»Wie kommen Sie jetzt darauf?«

 

»Wissen Sie nicht, wie der Ring getragen wird?«

 

»Doch. So, dass das Herz des Rings zum Herz des Trägers zeigt. Oder etwa nicht?«

 

Er kam näher und nahm meine Hand. »Der Ring zeigt den Stand der partnerschaftlichen Beziehung des Trägers an«, sagte er. »So, wie Sie ihn angezogen haben, bedeutet es, dass Sie in einer Partnerschaft oder gar verlobt sind.« Er zog den Ring von meinem Finger, drehte ihn um und steckte ihn wieder an. »Das heißt, dass Sie Single sind.« Er zog ihn wieder ab und streifte ihn über meinen linken Ringfinger, das Herz auf mein Herz gerichtet. »Verheiratet.« Er zog in wieder ab und drehte ihn um. »Geschieden. Aber das war nicht die ursprüngliche Bestimmung. Das hat später mal irgendwer dazuerfunden«, meinte er und lächelte mich an, ohne meine Hand loszulassen.

 

Seine Hände waren groß, weich und warm. Er stand direkt vor mir und schaute mir in die Augen. Er roch nach einem wundervollen Aftershave und nach Männlichkeit. Meine Knie wurden ganz weich.

 

»Und wie würden Sie ihn nun tragen?«, fragte er ganz leise, sein Gesicht war nur noch ein paar Zentimeter von meinem entfernt.

 

Einige Sekunden standen wir einfach nur da. Es kribbelte in meinem Bauch, und ich hatte Angst. Verwitwet zu sein bedeutete, in seinem Herzen einen großen Platz für eine Person reserviert zu haben, die nicht mehr erreichbar war. Und nicht zu wissen, ob diese Person es mitbekam, wenn sie ein wenig zur Seite gedrängt wurde. Was würde Alex denken? Würde er sich freuen? Oder würde er sich betrogen fühlen? Ich schob die Gedanken zur Seite. Wer redete denn hier schon von Gefühlen?

 

Dann räusperte ich mich. »Was soll er denn kosten?«

 

Er wich zurück. »Keine Ahnung. Das müssen Sie nun wirklich meinen Dad fragen.«

 

Besagter Vater trat soeben aus dem Hinterzimmer. Ben schaute mich mit einem durchdringenden Blick an. Mein Blut geriet in Wallungen. Dann ließ er rasch meine Hand los.

 

»Was kostet der Ring, Dad?«

 

»Ich würde ihn gern gravieren lassen, würde das gehen?«, fügte ich rasch hinzu. Bens Vater war fast ebenso groß wie sein Sohn. Er war sehr schlank und hatte volle, nahezu weiße Haare sowie einen gleichfarbigen Dreitagebart. An einer Kette um den Hals hing eine Brille, die er nun aufsetzte.

 

»Du verkaufst der Dame hier doch keinen Unsinn, oder?«

 

»Ihr Sohn hat bisher eher Geschichten erzählt, anstatt mir etwas zu verkaufen«, meinte ich und grinste.

 

»Ja, das passt zu ihm. Sie möchten einen Claddagh-Ring?« Ben lehnte sich an die Theke und hörte gespannt zu.

 

»Ja, dieser hier würde mir gefallen.« Ich gab ihn Bens Vater.

 

»Sie haben sich ein schönes Stück herausgesucht – diese Ringe werden oft als Verlobungsringe gekauft.«

 

»Ja, das kann ich verstehen.« Tränen schossen mir in die Augen, und ich wandte mich ab, damit Ben und sein Vater es nicht sehen konnten. Ich hatte mich schnell wieder gefasst. »Ich würde diesen trotzdem gern haben – mit der Gravur, wenn das geht. Was kostet das?« »Er kostet 2400 Euro – die Gravur schenke ich Ihnen natürlich. Was möchten Sie denn gern schreiben?«

 

Ich nickte. Natürlich hätte ich mir eine billige Kopie kaufen können. Doch der Originalring war noch viel mehr wert gewesen, und ich hatte mir bezüglich des Budgets kein Limit gesetzt. Ich hatte etwas gespart und auch ziemlich viel geerbt, und das Geld sollte hier keine Rolle spielen. Der Ring sollte mir einfach gefallen und dem Original möglichst ähnlichsehen. »Der Preis ist okay. Ich schreibe Ihnen den Text auf einen Zettel.«

 

Mila – du und ich, fur immer, schrieb ich, darauf bedacht, dass Ben es nicht sehen konnte. Wahrscheinlich würde er es nachher eh lesen und sich wundern. Aber das ließ sich jetzt nicht ändern. »Wann kann ich den Ring abholen?«

 

»Wie lange sind Sie noch in Irland?«

 

»Noch fast zwei Monate.«

 

Bens Vater lächelte. »Das sollte reichen. Kommen Sie heute in einer Woche.« Und dann zu Ben: »Also, gehen wir essen? Ich hole noch meine Jacke.« Er verschwand im Hinterzimmer.

 

Ben trat auf mich zu und schaute mir in die Augen. »Sehen wir uns wieder?«

 

»Vielleicht«, sagte ich, drehte mich um und ging aus dem Laden.