Leseprobe aus «Herz über Bord»

Ich hatte einige Entscheidungen getroffen. Ich hatte mich nicht nur von Felix getrennt – ich hatte auch mein Studium unterbrochen. Ich wusste, wenn ich mir ernsthafte Chancen auf eine Olympia-Teilnahme ausrechnen wollte, musste ich mich zu einhundert Prozent auf das Training konzentrieren. Studieren konnte ich auch danach noch. Und Olympia war nun einmal mein großer Traum.

 

Simon hatte wegen seines Knies eine Trainingspause einlegen müssen. Ich sah ihn deshalb ein paar Tage nicht. Erst als er wieder fit war, begleitete er mich auf den See. Trotz all der Schwierigkeiten zwischen uns – mit ihm fühlte ich mich im Boot immer wohl und sicher.

 

An diesem Abend schien es Simon gut zu gehen. Er wirkte fröhlich und entspannt. Ich hatte ihm von meiner Trennung von Felix erzählt, und seine Reaktion war ein Lächeln gewesen. Irgendwie hatte ich den Eindruck, als wäre eine große Last von seinen Schultern gefallen. Doch er hatte nichts weiter dazu gesagt.

 

Wir hatten unsere Trainingseinheit beendet und noch ein paar Minuten auf dem Sofa geredet. Später gingen wir lachend und schwatzend die Treppe hinunter. Ich bemerkte, dass Simon ein wenig hinkte, doch es schien ihn nicht zu stören. In solchen Augenblicken hatte ich ihn gern an meiner Seite. Er war gut gelaunt, charmant und witzig. Ein bisschen wie damals während der Busfahrt in Lissabon. Und er hatte Zeit für mich, er hielt mich nicht auf Distanz. Er hatte seine innere Stimme, die ihm immer wieder riet, sich von mir fernzuhalten, auf stumm geschaltet. Wir waren wie so oft die Letzten, alle anderen waren bereits gegangen. Es war vertraut zwischen uns. Nicht dass ich mir etwas erhoffte. Ich hatte in all der Zeit gelernt, nichts zu erwarten. Und doch war es anders als sonst. Es war ziemlich kalt draußen, und irgendwie wollten wir beide noch nicht nach Hause gehen. Wir blieben unten am Treppenabsatz stehen und redeten weiter. Es war schon ziemlich spät, und ich musste am nächsten Morgen früh raus – so beschloss ich trotz der gelösten und lockeren Stimmung, mich von Simon zu verabschieden.

 

Ich wollte ihm ein Küsschen auf die Wange geben. Er beugte sich zu mir herunter und erwiderte meinen Wangenkuss. Doch dann drehte er ganz langsam seinen Kopf, bis seine Lippen behutsam meine berührten. Simon erschrak offensichtlich über seinen eigenen Mut und ließ sofort wieder von mir ab. Doch er wich nur ein ganz kleines bisschen zurück und blickte mich voller Zärtlichkeit an. Dann konnte er nicht mehr. Er konnte nicht mehr warten, er konnte sich nicht mehr zurückhalten, er konnte seine Gefühle nicht mehr leugnen. Er packte mich wild und küsste mich, ich spürte seine Zunge in meinem Mund. Ich war überrascht, mein Herz machte einen Satz.

 

Das hatte ich mir so lange gewünscht, und ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich schlang meine Arme um Simon und erwiderte seinen Kuss. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unten an der Treppe standen und uns küssten und umarmten. Es musste fast eine Stunde gewesen sein. Es war der Kuss meines Lebens. Als wir uns voneinander lösten, hielt Simon mein Gesicht in seinen Händen. Er lächelte.

 

»Das habe ich mir so gewünscht«, sagte er dann leise. »Dass du mich noch einmal so küsst wie damals, als du vom Stuhl gefallen bist.«

 

Ich lächelte. »Das liegt doch nicht an mir, Simon. Ich würde dich jeden Tag so küssen, und das weißt du.« Er grinste ein bisschen schief und beugte sich dann zu mir herunter, um mich erneut zu küssen. Seine Hände nahmen meine, sie waren warm und weich. »Und jetzt?«

 

»Und nichts jetzt.« Er küsste mich erneut. »Jetzt tue ich es einfach. Dagegen anzukämpfen wird mir einfach zu mühsam.«

 

»Ich verstehe nicht, wogegen du kämpfst, Simon. Nichts von dem, was wir tun, ist in irgendeiner Weise verboten.«

 

»Ich weiß. Es ist nur in meinem Kopf. Dieser Gedanke, dass das nicht sein darf. Nie sein darf.«

 

»Dann werde ihn los.«

 

»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, meinte er. Und dann fügte er leise hinzu: »Darf ich mit zu dir kommen?«

 

»Denkst du, das ist eine gute Idee?«

 

»Wahrscheinlich nicht. Darf ich trotzdem?«

 

»Ja«, flüsterte ich. Er nahm mich bei der Hand, und wir gingen zusammen zu seinem Auto. Wir küssten uns wieder. Der Damm war gebrochen, die negativen Gedanken waren verdrängt, da waren nur noch Leidenschaft und Liebe.

 

»Tut mir leid, dass wir nicht zu mir gehen können.«

 

»Da ist ja Lisa, oder?«

 

»Ja. Aber wir haben uns vorübergehend getrennt, und sie ist in der Wohnung geblieben.«

 

Das Wort vorübergehend löste in mir leise Sirenen aus, doch sie waren nicht laut genug, als dass ich sie beachtet hätte. »Und wo wohnst du jetzt?«

 

»Manchmal übernachte ich bei meiner Mutter und manchmal hier im Klub. Auf dem Sofa.«

 

Ich war ein bisschen geschockt. »Bist du verrückt?«

 

»Das geht schon. Für eine Weile.«

 

»Warum habt ihr euch denn getrennt?«

 

»Deinetwegen«, sagte Simon und wirkte ein bisschen verlegen.

 

»Warum?«

 

»Ich habe ihr von meinen Gefühlen für dich erzählt.«

 

Ich nahm seine Hand, während er den Wagen durch die Dunkelheit lenkte. Es war schon nach Mitternacht. Nach einigen Minuten erreichten wir bereits meine Wohnung. Viel länger hätte die Fahrt auch nicht dauern dürfen. Ich war nur froh, dass Laura gerade in Berlin bei Julian war. So hatten wir unsere Ruhe und mussten nichts erklären.

 

Hand in Hand rannten wir durch den Regen ins Gebäude, wir lachten, ich war so glücklich wie noch nie. In meinem Zimmer angekommen, fielen wir übereinander her. Wir küssten uns, streichelten uns, die monatelange Sehnsucht ging über in pures Verlangen. Ich zog Simon das Shirt über den Kopf. Zum ersten Mal sah ich seinen nackten Körper und durfte ihn berühren. Als ich das realisierte, schossen mir die Tränen in die Augen. Er sah es.

 

»Was hast du?«, fragte er leise.

 

»Endlich«, sagte ich nur, und wir zogen uns gegenseitig die Oberteile aus und ließen uns gemeinsam auf das Bett fallen. Er befreite sich rasch aus seiner Hose, und ich zog meinen Rock aus.

 

So leidenschaftlich es begonnen hatte, so zärtlich wurde es kurz darauf. Wir hielten uns eine Weile einfach ganz fest in den Armen. Haut auf Haut. Seine Arme umschlangen meinen Körper, er streichelte meinen Rücken, meinen Po. Wir hatten uns diesen Augenblick herbeigesehnt – und nun hatten wir so viel Respekt. Wir wollten nichts falsch machen, dem anderen gefallen, den anderen glücklich wissen. Wir küssten uns wieder und wieder, während unsere Hände immer mutiger wurden.

 

»Komm zu mir«, flüsterte ich nach einer Weile. Ich wollte ihm endlich ganz nah sein.

 

Ich spürte sein hartes Glied an meinem Oberschenkel, und er stöhnte erregt.

 

Ich zog ihn über mich und zeigte ihm den Weg. Als er in mich eindrang, wölbte ich mich unter ihm vor Begierde, und erneut schossen mir Tränen des Glücks in die Augen.

 

Endlich. Endlich. Endlich.

 

Ich konnte an nichts anderes denken. Ich klammerte mich fest an ihn, als würde er sich in Luft auflösen, wenn ich ihn losließ. Er bewegte sich ganz langsam und vorsichtig in mir. Er wollte alles richtig machen, und er wollte, dass es mir gefiel, das konnte ich spüren.

 

»Ich mag es, wenn du dich so gehen lässt«, flüsterte er und lächelte mich verschmitzt an, um mich kurz darauf wieder überall zu küssen, auf den Mund, den Hals, die Schulter. Seine Hände vergruben sich in meinen Haaren. »Du bist so schön. Es ist so schön mit dir«, flüsterte er dann.

 

Ich umschlang ihn mit meinen Armen und drückte ihn auf den Rücken. Er verstand und hielt mich fest. So saß ich kurz darauf auf ihm. In dieser Position konnte ich mit ihm spielen, indem ich mich mal schneller bewegte, mal etwas langsamer oder ganz stoppte. Ich beobachtete seine Reaktion und sah, wie er genießerisch stöhnend die Augen schloss. Etwas später hob er mich zärtlich lächelnd hoch, drehte mich um und legte sich auf mich, damit ich ihm wieder ganz nahe sein konnte. Haut auf Haut. Ich spürte, dass mein Höhepunkt nicht mehr weit entfernt war, und gemeinsam steuerten wir auf einen alles verzehrenden Orgasmus zu.

 

Danach lag er schwer auf mir, und ich genoss seine Nähe. Fast schüchtern lächelte er mich an und streichelte mein Gesicht.

 

»Danke.«

 

»Wofür?«

 

»Für dich, für dieses schöne Erlebnis.«

 

»Da hast du auch etwas dazu beigetragen«, meinte ich und schmunzelte. »Bleibst du heute Nacht hier?«

 

»Wenn ich darf …« Er küsste mich zärtlich und hielt mich fest in seinen Armen. »Endlich«, flüsterte er. »Ich habe mich so danach, nach dir, gesehnt.«

 

Nach einigen Minuten hatte er sich erholt. Dieses Mal ließen wir uns etwas mehr Zeit. Wir erkundeten gegenseitig jeden Zentimeter unserer Körper mit Händen und Lippen. Immer wieder küssten wir uns, schauten uns in die Augen, grinsten uns an und konnten nicht glauben, dass wir uns endlich so nah waren, wie wir es schon so lange sein wollten. Als ich Simons rechtes Knie begutachtete, erschrak ich. Es war vernarbt und völlig deformiert. Er zog die Decke darüber, doch ich schob sie wieder weg.

 

»Sieht schlimm aus«, sagte er.

 

Ich fuhr mit meinem Zeigefinger über die Narben. »Schrecklich. Das muss furchtbar gewesen sein.« Ich schaute ihn an. »Simon, die Folgen dieses Unfalls sind viel gravierender, als du zugibst. Stimmt’s?«

 

»Kann sein. Aber ich möchte jetzt nicht darüber reden.« Er legte seinen Zeigefinger auf meine Lippen und brachte mich so zum Schweigen. »Du bist wunderschön, Hanna«, hauchte er und küsste mich wieder. Ich lächelte selig.

 

»Hast du dir das auch so oft gewünscht?«, fragte ich ihn.

 

»Ja«, flüsterte er. »Jeden Abend, wenn ich im Bett lag und die Augen schloss, habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, dich zu spüren. Jeden Abend – seit zwei Jahren. Verdammt lange Zeit, hm?«

 

»Es hat für mich nicht weniger lange gedauert«, gab ich zurück, und er musste lachen.

 

»Es tut mir leid, dass du wegen mir so leiden musst und musstest. Das habe ich nie gewollt.«

 

»Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Wir können sie auch nicht in die Zukunft drehen. Aber wir könnten versuchen, das zu genießen, was wir im Moment haben, was meinst du?«

 

»Manchmal denke ich, du bist hier die Ältere von uns beiden. Du gehst einfach deinen Weg und lässt dich nicht beirren, während ich ständig innere Kämpfe ausfechte und manchmal nicht weiß, wie es weitergehen soll.«

 

»Ich weiß nicht, warum du es dir so schwer machst. Wir haben doch wirklich versucht, uns zu vergessen. Immer wieder.«

 

»Es gibt einen Grund für mein Verhalten«, sagte er leise. »Ich werde ihn dir verraten. Bald. Aber nicht hier und nicht heute, okay? Heute möchte ich dich einfach nur genießen.«

 

»Okay!«, erwiderte ich.

 

»Warum hast du dich von Felix getrennt?«, wollte er plötzlich wissen.

 

Ich wartete einen Augenblick mit meiner Antwort. »Weil ich nicht frei war für ihn«, sagte ich dann ehrlich. »Er ist ein toller Mensch. Er hat keine Freundin verdient, die abends neben ihm im Bett liegt und an einen anderen denkt.«

 

»Ich weiß, was du meinst.« Er küsste mich zärtlich.

 

»Und Lisa?«, fragte ich.

 

Er zuckte mit den Schultern. »Sie hat es auch nicht verdient. Ich habe ihr gesagt, dass da diese Gefühle für dich sind und dass ich mich nicht dagegen wehren kann. Sie fand es nicht wahnsinnig toll, verständlicherweise. Wir haben beschlossen, eine Pause einzulegen, um zu überlegen, ob und wie es weitergehen soll.«

 

»Es ist also nicht aus zwischen euch?«

 

»Wir sind nicht mehr zusammen. Und ich will hier bei dir sein. Das ist alles, was zählt.«

 

Ich spürte, dass mehr im Moment nicht von ihm zu bekommen war – und ich hatte schon viel mehr bekommen, als ich je gedacht hätte.

 

»Ich habe sie monatelang in meinen Gedanken betrogen«, sagte er plötzlich. »Was ist schlimmer? Wenn man mit jemandem ein einziges Mal Sex hat, nur bedeutungslosen Sex, und man diese Person nie wiedersieht – oder wenn man monatelang daran denkt, mit einer anderen Person schlafen zu wollen, es aber nie tut? Was meinst du?«

 

Ich wusste nicht, ob er eine Antwort erwartete.

 

Lisa hatte kein leichtes Leben gehabt in den letzten Monaten, das wurde mir nun bewusst. Sie tat mir leid. Sie hatte genauso um ihre Liebe gekämpft wie ich. Es ging nicht um Gewinnen oder Verlieren.

 

Ich kuschelte mich dicht an Simons Körper, er zog die Decke über uns beide und legte seine Arme fest um mich. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf. Ich fürchtete, er würde verschwinden, wenn ich zu tief schlafen würde.

 

Mitten in der Nacht weckte er mich, und wir liebten uns erneut.

 

»Ich glaube, ich war noch nie so glücklich«, flüsterte er, bevor er wieder einschlief.

 

Ich auch nicht.